Selbsterfahrung
In der Welt des Nehmens
Piwi klingelt an der ersten Haustür. Sie gehört zu einem Patrizierhaus. Aus der gespannten Vorfreude zum heutigen Ausflug wird leichte Nervosität. Was wird jetzt passieren? Wie soll ich mich verhalten?
Ich bin heute Gast bei der Bettel-Tour von Piwi und Sindbad. Die beiden Tippelbrüder – so bezeichnen sie sich selbst – sind
nicht verwundert, dass niemand öffnet. Die ältere Dame sei jetzt sicher bei ihrem Mann im Pflegeheim, „denn wir sind ziemlich
spät dran“. Woher sie das wissen? Na, von den kurzen Gesprächen, die zwischen Tür und Angel entstehen.
Anfangs waren die beiden zögerlich, als ich sie bat, mich auf eine ihrer Touren mitzunehmen. Doch dann sagten sie zu und wir
vereinbarten die Bedingungen: Sie würden wegen mir nicht aufs Bier trinken verzichten und ich dürfe ihnen die Tour nicht vermasseln.
Meine Bedingung war, dass ich kein Bier mittrinken muss.
Akribische Recherche sichert gute Quellen
Auf dem Weg von Tür zu Tür erzählen sie mir ihre Geschichte und zeigen mir Plätze, an denen sie übernachtet haben, bevor sie
eine Wohnung bekamen. Neugierig und naiv frage ich nach: Wie oft klingelt ihr bei den Leuten? Gibt es die geheimen Zeichen
an den Häusern wirklich? Bei ihren Antworten klingt ein bisschen Stolz mit. Nicht sie brauchen einen Rat von mir, sondern
ich will etwas von ihnen wissen. Nicht ich zeige ihnen etwas, sondern sie lassen mich in einen Ausschnitt ihres Alltags blicken.
Ihre Anlaufstellen im Viertel haben sie sich durch Klingeln und Fragen akribisch erarbeitet. Wie oft sie dort vorbeischauen,
bestimmt der Geldgeber selbst. Manchmal sind auch kleine Arbeiten zu machen, zum Beispiel im Garten. Dafür gibt es eine Entlohnung.
Die Adressen ihrer „Kunden“ hüten Piwi und Sindbad wie ein Geheimnis. Vom ersten erbettelten Geld kaufen sie sich auch heute
ein Bier und trinken es auf der nächstbesten Bank leer. Dann geht es weiter, von Tür zu Tür. Die Wege sind lang. Die Tour
ist genau festgelegt und an jedem Wochentag anders.
Auch Nehmen will gelernt sein
Mein mulmiges Gefühl bleibt. Doch nur ein Mal werde ich angesprochen: „Sind sie auch obdachlos?“, will ein Mann wissen. Als
ich verneine, vermutet er, dass ich vom Sozialamt sei. Bei ihm bekommen wir fünf Euro: „Die müsst ihr euch teilen. Und 50
Cent für den Hund.“ Einige Straßen weiter klingelt Sindbad beim Pfarrhaus. Eine Frau macht auf, guckt kurz, macht die Tür
wieder zu, kommt mit einigen Münzen zurück und sagt: „Ihr könnt aber nicht immer mehr bringen. Das wird zu viel“. Piwi und
Sindbad beschwichtigen, das wäre klar und würde nicht mehr vorkommen.
Irgendwann am Nachmittag verabschiede ich mich von den beiden. Sie wollen noch weiter gehen. Ich marschiere zurück zum Büro
und muss noch lange darübber nachdenken, mit welcher Selbstverständlichkeit Piwi und Sindbad an Haustüren klingeln und die
Hand aufhalten. Mir ist die Rolle der Gebenden vertrauter und sie macht mich sicher. Einige Tage bringen mir die beiden Blümchen,
bezahlt von meinem Teil der Bettler-Tour.
Eva Renard
Aufgezeichnet von Katrin Ruf
