Soziale Manieren

Unterwegs mit Tippelbrüdern

Eva Renard arbeitet in der Geschäftsstelle der Krefelder Caritas. Dort trifft sie täglich Menschen, deren Leben sich auf Straßen und Plätzen abspielt. Um sie besser zu verstehen, begab sie sich einen Tag lang auf Tour mit zwei Obdachlosen und machte dabei viele Entdeckungen.

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Selbsterfahrung

In der Welt des Nehmens

Klingel | © Stihl024 - Fotolia.com

Piwi klingelt an der ersten Haustür. Sie gehört zu einem Patrizierhaus. Aus der gespannten Vorfreude zum heutigen Ausflug wird leichte Nervosität. Was wird jetzt passieren? Wie soll ich mich verhalten?

Ich bin heute Gast bei der Bettel-Tour von Piwi und Sindbad. Die beiden Tippelbrüder – so bezeichnen sie sich selbst – sind nicht verwundert, dass niemand öffnet. Die ältere Dame sei jetzt sicher bei ihrem Mann im Pflegeheim, „denn wir sind ziemlich spät dran“. Woher sie das wissen? Na, von den kurzen Gesprächen, die zwischen Tür und Angel entstehen.

Anfangs waren die beiden zögerlich, als ich sie bat, mich auf eine ihrer Touren mitzunehmen. Doch dann sagten sie zu und wir vereinbarten die Bedingungen: Sie würden wegen mir nicht aufs Bier trinken verzichten und ich dürfe ihnen die Tour nicht vermasseln. Meine Bedingung war, dass ich kein Bier mittrinken muss.

Akribische Recherche sichert gute Quellen

Auf dem Weg von Tür zu Tür erzählen sie mir ihre Geschichte und zeigen mir Plätze, an denen sie übernachtet haben, bevor sie eine Wohnung bekamen. Neugierig und naiv frage ich nach: Wie oft klingelt ihr bei den Leuten? Gibt es die geheimen Zeichen an den Häusern wirklich? Bei ihren Antworten klingt ein bisschen Stolz mit. Nicht sie brauchen einen Rat von mir, sondern ich will etwas von ihnen wissen. Nicht ich zeige ihnen etwas, sondern sie lassen mich in einen Ausschnitt ihres Alltags blicken.

Ihre Anlaufstellen im Viertel haben sie sich durch Klingeln und Fragen akribisch erarbeitet. Wie oft sie dort vorbeischauen, bestimmt der Geldgeber selbst. Manchmal sind auch kleine Arbeiten zu machen, zum Beispiel im Garten. Dafür gibt es eine Entlohnung. Die Adressen ihrer „Kunden“ hüten Piwi und Sindbad wie ein Geheimnis. Vom ersten erbettelten Geld kaufen sie sich auch heute ein Bier und trinken es auf der nächstbesten Bank leer. Dann geht es weiter, von Tür zu Tür. Die Wege sind lang. Die Tour ist genau festgelegt und an jedem Wochentag anders.

Auch Nehmen will gelernt sein

Mein mulmiges Gefühl bleibt. Doch nur ein Mal werde ich angesprochen: „Sind sie auch obdachlos?“, will ein Mann wissen. Als ich verneine, vermutet er, dass ich vom Sozialamt sei. Bei ihm bekommen wir fünf Euro: „Die müsst ihr euch teilen. Und 50 Cent für den Hund.“ Einige Straßen weiter klingelt Sindbad beim Pfarrhaus. Eine Frau macht auf, guckt kurz, macht die Tür wieder zu, kommt mit einigen Münzen zurück und sagt: „Ihr könnt aber nicht immer mehr bringen. Das wird zu viel“. Piwi und Sindbad beschwichtigen, das wäre klar und würde nicht mehr vorkommen.

Irgendwann am Nachmittag verabschiede ich mich von den beiden. Sie wollen noch weiter gehen. Ich marschiere zurück zum Büro und muss noch lange darübber nachdenken, mit welcher Selbstverständlichkeit Piwi und Sindbad an Haustüren klingeln und die Hand aufhalten. Mir ist die Rolle der Gebenden vertrauter und sie macht mich sicher. Einige Tage bringen mir die beiden Blümchen, bezahlt von meinem Teil der Bettler-Tour.

Eva Renard
Aufgezeichnet von Katrin Ruf