Soziale Manieren

Nicht nur "abspeisen"

Welche Rolle spielen die Tafeln bei der Bekämpfung der Armut in Deutschland? Reicht es aus, arme Menschen mit kostenlosen Mahlzeiten zu versorgen? Johannes Böcker von der Caritas in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sieht das anders.

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Position der Caritas zu Lebensmittelläden (pdf-Download)

Tafel deck' dich!

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Caritas-Tafel in Mannheim

Standpunkt

Der Kampf gegen die Armut endet nicht mit einer warmen Suppe

Tafel: Anlieferung von Lebensmittel
Anlieferung von Essen in einer Tafel.

Deutschland ist trotz Krise eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Da fällt es schwer zu verstehen, dass es tausenden Menschen an Lebensmitteln, Kleidung oder Wohnraum fehlt. Die spärlichen staatlichen Sozialleistungen führen bei vielen zu sozialem Abstieg und Isolation. Mit Tafeln weisen wir diesen Menschen einen Ort zu, der ihnen durch die Überschussproduktion der Konsumgesellschaft das Überleben sichert. Sind Tafelprojekte also die Lösung des Problems und sollten ausgebaut werden? Ja und nein.

Tafelläden machen Armut und Elend öffentlich

Nein, weil Tafelläden in ihrer jetzigen Form die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen einschränken. Sie sind Orte, an denen Armut und Elend und damit die Scham von Menschen in die Öffentlichkeit getragen werden. Sich in die Warteschlange vor dem Tafelladen einreihen zu müssen widerspricht dem Freiheitsgrundsatz der Selbstbestimmung.

Begegnung und Befähigung gehören dazu

Gut und deswegen zu begrüßen ist, dass Tafeln oft Kooperationsprojekte zwischen Caritas, Kirchengemeinden und anderen Trägern sind. Dass dort Hilfen im Verbund organisiert werden und sich Ehrenamtliche wie Hauptamtliche für ein gemeinsames Ziel engagieren: Die Not der Menschen zu lindern.
Gut ist, wenn sich Menschen in den Tafeln begegnen und die Hilfeempfänger nicht nur „abgespeist“ werden. Wenn Jugendliche dort kochen und den Haushalt führen lernen. Fähigkeiten, die sie in den Familienalltag einbringen können.

Doppelstrategie: Helfen und soziale Gerechtigkeit einfordern

Wirksame Armutsbekämpfung geht jedoch über die Überlebenssicherung hinaus. Sie verfolgt eine Doppelstrategie: Neben den alltagsnahen Hilfen für die Betroffenen müssen wir Einfluss nehmen auf die Sozialpolitik und die Vorsorge verbessern. Dabei geht es um soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität.
Die Caritas tritt solidarisch für jene Menschen ein, die am Rande stehen. Damit konfrontiert sie zugleich große Teile der Gesellschaft mit dem Lebensrisiko, nicht immer in der Mitte zu stehen. Die Kombination aus konkreten Hilfen und struktureller Bekämpfung der Armut sollte uns als Gesellschaft allerdings dazu in die Lage versetzen, die Grundlagen für ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu sichern - und zwar für alle Menschen.

Johannes Böcker
Diözesan-Caritasdirektor im Caritasverband für die Diözese Rottenburg-Stuttgart
E-Mail: boecker@caritasdicvrs.de