Soziale Manieren

Als Zivi bei Bettlern und Pennern

Philipp Seggelmann bestreitet es nicht: Auch er hatte anfangs Vorurteile gegenüber Wohnungslosen. Das hat sich in seinem Zivildienst geändert. Neun Monate lang hat er dabei die andere Seite der Gesellschaft kennengelernt.

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Hund mit Rucksack eines Obdachlosen | Foto:Kristina Löpker

Zwei Hunde liegen dösend neben einem alten Kuddel. Plötzlich springen sie auf und bellen ohrenbetäubend, so dass Philipp Seggelmann lieber einen Umweg geht. Der junge Mann will ja nur seinen Dienst in der Wohnungslosenhilfe des Caritasverbandes in Bersenbrück antreten.

Als der Zivi an ihnen vorbei geht, knurren die Hunde, denn sie bewachen einen kleinen Schatz. In dem Kuddel steckt das gesamte Leben eines Wohnungslosen. Neun Monate Zivildienst haben Philipp geprägt. Seine Vorurteile sind verschwunden. Er hat viel gelernt über die Menschen, die mit ihren Hunden und den bepackten Fahrrädern in den Innenstädten auftauchen. „Für einige ist es eine Lebensphilosophie, ohne Heim und Hof auf der Straße zu leben“, sagt er. „Doch die Meisten haben eine traurige Geschichte.“ Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Mittellosigkeit – Schicksalsschläge, die die Menschen oft unerwartet treffen. Sie verlieren ihre Wohnung, wenn Rechnungen unbezahlt bleiben oder Schulden nicht mehr beglichen werden können.

Der Weg zurück ins "normale Leben" ist schwer

Dazu kommt die Scham. Viele haben Angst, sich vor Fremden zu offenbaren. In der Wirtschaftskrise, in der viele Menschen ihre Arbeit verlieren oder gut gestellte Familien plötzlich von echter Armut betroffen sind, rutschen diejenigen, die immer schon wenig hatten, noch weiter an den Rand der Gesellschaft. Der Weg zurück ist nicht leicht. „Einigen fehlt der Mut, sich wieder sesshaft zu machen oder nur nach Hilfe zu fragen“, erzählt Philipp Seggelmann.

Zivi Seggelmann repariert Fahrrad eines Obdachlosen | Foto: Kristina Löpker
Hilfe konkret: Zivi Philipp Seggelmann repariert
den Fahrradanhänger eines Wohnungslosen.

Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert. Sie kommen über die Runden, leben von Tag zu Tag. Schlimm wird es, wenn der Alkohol die Überhand über die Probleme gewinnt. Einmal mussten Philipp Seggelmann und ein Kollege einen Betrunkenen aus dem Sozialen Kaufhaus holen, der nicht aufstehen wollte und dazu noch laut wurde. Die anfänglichen Berührungsängste hat Philipp schnell abgebaut. In solchen Situationen lernte er anzupacken – und zu warten bis die Personen ausgenüchtert sind.

Gute Laune trotz vieler Probleme

Dann entsteht oft ein Gespräch, bei dem sich die Menschen öffnen, ihre Geschichten erzählen und Hilfen annehmen. Deshalb weiß Philipp: „Wohnungslose sind normale Menschen wie du und ich. Sie haben nur ganz andere Probleme.“ Der Zivi begleitete sie ins Krankenhaus oder renovierte mit ihnen die neue Wohnung. Er erlebte die Männer und Frauen sehr positiv. „Selbst im Winter kamen sie gut gelaunt zu uns“, erinnert er sich. „Es gab oft Momente, in denen wir viel Spaß miteinander hatten“.

Im Herbst will Philipp Seggelmann studieren. In Hannover, Bremen oder Köln. Auch da wird er auf Wohnungslose treffen, auf Menschen die betteln oder auf der Parkbank Alkohol trinken. Doch die sieht er jetzt mit einem anderen Blick. „Ich habe erlebt, wie es ist, wenn es im Leben plötzlich nicht mehr weitergeht“, sagt er. „Und ich weiß, dass es die Betroffenen nicht leicht haben und es sich meist nicht selber ausgesucht haben, so zu leben.“

Kristina Löpker für die Zeitschrift Sozialcourage 2/09, Ausgabe Osnabrück 2/09