Stuttgart von unten
7 Uhr: Im Caritas-Treff lerne ich Paul kennen. Der Obdachlose wird mich die nächsten 24 Stunden in seine Welt einführen. Unsere
Tour beginnt in der Franziskusstube mit einer Tasse Tee. Danach brechen wir auf. Paul zeigt mir Plätze, an denen er sich tagsüber
ungestört aufhalten und nachts gut schlafen kann. „Du darfst nie allein irgendwo pennen“, erklärt er mir, „Die Gefahr ausgeraubt oder verletzt zu werden ist zu groß“.
11 Uhr: Wir kommen an einem Lebensmittelgeschäft vorbei. Paul zeigt mir, dass dort Brot- und Gemüsereste gut zugänglich gestapelt
werden. Jeder kann sich bedienen, so lange ihn die Mitarbeiter nicht sehen. Die sind angewiesen, jeden zu vertreiben.
11.15 Uhr: Um die sperrigen Schlafutensilien für einige Stunden loszuwerden, steuern wir die Schließfächer am Rotebühlplatz
an. Der hat wegen Umbauarbeiten geschlossen. „Nicht so schlimm“, meint Paul. An solche Probleme ist er gewöhnt und weiß schnell eine Lösung: Die Schließfächer in der Unibibliothek.
12 Uhr: Unser Mittagessen nehmen wir bei der evangelischen Gesellschaft. Die Schupfnudeln kosten da nur zwei Euro. Kontakt
zu anderen Armen gibt es gratis. Paul spricht interessiert und aufmerksam mit einigen seiner „Kameraden“. Mich beeindruckt, wie Paul mit seiner Situation fertig wird. Er macht Scherze, ist zäh, aber nicht zynisch. Politische Ereignisse kommentiert er ironisch und scharfsinnig.
18 Uhr: Wir holen wir unsere Schlafsachen und gehen zu Lidl. Hier wird deutlich, was mich von Paul unterscheidet. Wenn mein
Geldbeutel leer ist, kann ich mein Konto überziehen. Als Obdachloser hast du entweder 85 Cent in der Tasche – oder eben nicht. Heute Abend reicht unser Geld für zwei Brötchen, Äpfel und eine Flasche Wasser.
20 Uhr: Wir wollen den Abend bei einer Dose Bier im Park ausklingen zu lassen. Doch daraus wird nichts. Während des Gesprächs
mit obdachlosen Jugendlichen beißt mich einer ihrer Hunde. Es beginnt eine Exkursion durch verschiedene Krankenhäuser. Zwei Stunden später bin ich mit allen Impfstoffen versorgt und wir können endlich zu unserem Schlafplatz.
1.30 Uhr: Völlig gerädert krieche ich in den Schlafsack. Wir schlafen ohne Unterbrechung bis kurz vor sechs. Um sieben stehen
wir wieder vor dem Caritas-Treff. Ich bedanke mich mit Hochachtung bei Paul, dem Überlebenskünstler. Von ihm habe ich mehr über Stuttgart erfahren, als in all den Jahren, die ich dort wohnte!
Quelle: Caritasverband für Stuttgart , aufgezeichnet von Katrin Ruf

