Theaterprojekt

„Hoppla, die haben ja eine Stimme“
Mit weit aufgerissenen Augen starrt Christine-Sophie Arnold ins Publikum: „Ich muss meine Therapie von den 351 Euro von Hartz IV selbst bezahlen!“, schreit sie den Theatergästen wutentbrannt zu. Ihr Gesicht verfinstert sich, denn was sie auf die Bühne des Freiburger Theaters bringt, kennt sie nur zu gut aus eigener Erfahrung: Von einer depressiven Mutter großgezogen, als 13-Jährige zum ersten Mal Heroin probiert, missbraucht worden. Drei Ausbildungen gemacht, dabei immer wieder in Depressionen und in die Drogen- und Alkoholabhängigkeit zurückgefallen. Das letzte Mal 2003, als sie im achten Monat ihre Zwillinge tot gebar. „Da verließ mich auch noch mein Partner und ich verlor den Job als Qualitätsprüferin“, sagt die 42-Jährige und stellt fest: „Mein Lebenslauf ist eine einzige Katastrophe.“
was sie aus ihrem Alltag kennt.
Einblicke in die tägliche Gängelei armer Menschen
In der Bettleroper steht Christine-Sophie mit anderen Mittellosen, Hartz-IV-Empfängern, Obdachlosen und den Profis des Theaters auf der Bühne. Regisseur Christoph Frick hat das mehr als 280 Jahre alte Original der Beggar‘s Opera von John Gay ins Jahr 2009 übertragen. Für Christine-Sophie sind die Szenen nichts Neues: Die Gängelei durch die Angestellten der Arbeitsagentur und deren komplizierten Formulare, die Nötigung alle Habseligkeiten aufzugeben und der Austausch von Tipps, wo man in Freiburg ohne Geld etwas zu essen oder ein Bett finden kann.
Mit Vorurteilen gegenüber Obdachlosen aufräumen
Das Stück spart nicht an Sozialkritik. „Die meisten Obdachlosen sind nicht faul und den ganzen Tag besoffen. Aber ihr seht in den Straßen eben nur solche, weil ihr sie sehen wollt“, klagt Uli Hermann vor dem Publikum.
mit angeschoben.
Der gelernte Industriekaufmann bettelte sich zwölf Jahre lang durch Deutschland, lebt heute in einem Wohnwagen und ist Chefredakteur der Freiburger Obdachlosenzeitung „Freie Bürger“. Uli hat das Theaterprojekt vorangebracht: „Die Bettleroper soll mit den Vorurteilen der Gesellschaft gegenüber Mittellosen aufräumen. Wenn die Gäste nach der Aufführung denken: Hoppla, die haben ja eine Stimme und können sich ausdrücken, kann ein Dialog auf Augenhöhe beginnen“, so der 54-Jährige.
Respekt und ein Stück zurückgewonnenes Selbstvertrauen
Um die Szenen so realitätsnah wie möglich zu gestalten, sind die Laienschauspieler mit ihren professionellen Kollegen durch die Straßen gezogen: zur Freiburger Tafel, dem Essenstreff, der Bahnhofsmission, der Pflasterstube der Caritas und zu FREIRAUM, einer Aufnahmestelle für Frauen in Not. Hier hat Christine-Sophie von dem Projekt gehört und war begeistert: „Auf der Bühne kann ich mich auspowern. Das macht Riesenspaß.“ Im Theater findet sie den Platz, den ihr die Gesellschaft gewöhnlich nicht gibt. Hier holt sie sich ein Stück Selbstvertrauen zurück. Nach der letzten Szene verbeugt sie sich unter Applaus vor den Zuschauern. Sie strahlt, blickt zu Boden und ringt nach Fassung. Das ist es, was die Bettleroper ausmacht: Sie stiftet Gemeinschaft und gegenseitigen Respekt.
Informationen zur Bettleroper und Karten für die Aufführungen
Text: Johannes Reichart
Fotos: Reichart (2), Maurice Korbel
