Portrait

Klaus H.

In der Knastzeitschrift Ulmer Echo  beschreibt Klaus H. das Leben im Gefängnis.

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Blick in den Gang der JVA Düsseldorf | Foto: Ulmer Echo
Erster Blick für einen neuen Häftling in der JVA Düsseldorf.

Das letzte, was ich aus dem vergitterten Wagenfenster sehe, sind Menschen mit bunter Kleidung, die sich in Licht und Farbe auf der Straße bewegen. Könnte nicht jemand den Abspann dieses schlechten Filmes einblenden? Hinter den Gittern beginnt schon die Welt der Schatten. Schmutziges Braun-Grau-Grün. Quadratkilometer Mauern sind voll davon. Verfall und Geruch umgibt uns von nun an. Es riecht nach altem Männerschweiß, verdorbenem Essen. Grauer Staub in allen Poren. Angst und Leid riechen schlecht. Man müsste hundert Jahre baden, um sich davon zu befreien. Verbinden Sie mir die Augen, drehen sie mich im Kreis und wir fahren Stunden übers Land: ich werde es am Geruch erkennen, wenn wir uns einem Gefängnis nähern.

Grauen schleicht sich unter die Haut

In der ersten Nacht halte ich stumme Zwiesprache mit der Tür, die sich nun nicht mehr einfach so nach meinen Wünschen und Bedürfnissen öffnen wird. Abenteuer und alle Wunder liegen immer hinter den Türen. Mit der Wahrnehmung, was es eigentlich bedeutet, für unbestimmte Zeit seiner Bewegungsfreiheit beraubt zu sein, schleicht sich Grauen unter die Haut. Von einem Moment auf den anderen aus der Welt gefallen. Und wie wenig es dazu bedarf – atemberaubend. Speckiges Holz, bröckeliger Zement und hundertmal lackiertes Eisen. Alles atmet dumpfe Sinnlosigkeit. Hirnlose Vergeblichkeit in jeglichem Bemühen.

Nur nicht völlig irre werden

Der Rhythmus des Alltags sind Schlüssel, die sich drehen und deren Türen in Schlösser knallen. Stahltüren, die in ihren Angeln vibrieren, schwere Schritte im Auf und Ab der Flure und Treppen. Und er brennt sich ins Herz - Tag für Tag, wie die in ihrer Funktion erstarrten Menschen, die sich entschieden haben, ihr Leben mit der Verwaltung dieses Elends zu verbringen. Was mögen sie denken, wenn sie mit sich allein sind, welche Fragen mögen sie sich stellen? Es gibt Gruppen für Sport, Betreuungsangebote dieser und jener Art. Man kann für ein, zwei Euro pro Stunde Stecker in Tütchen verpacken. Es ist gerade so viel, dass wir nicht völlig irre werden an der Gewalt des Eingeschlossenseins. Gerade so viel, dass wir die, die uns betreuen, nicht anfallen und in der Luft zerreißen. Gerade so viel, dass wir die Möglichkeit eines Weiterlebens danach an unseren guten Tagen erwägen können.

Reduktion auf biologische Bedürfnisse

Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nicht so viel, wie es oft scheint. Der Knast ist die große geniale Maschine, die das Wesentliche auf biologische Bedürfnisse reduziert. Nahrungsaufnahme und -entsorgung sind hervorragend organisiert. Mindestbewegung, bemessen am mitteleuropäischen Durchschnitt, berechnet in verbrannten Kalorien, wird vom Veranstalter rückhaltlos garantiert. Im Namen des Volkes schreiten die Verurteilten im Uhrzeigersinn über den Freistundenhof, täglich eine oder zwei Stunden, jahrauf – jahrab. Schließlich sind wir ja keine Unmenschen.