Portraits

Der Sachse

Portraits im Überblick

Quelle: Clemens Janosch, un-gewohnt, Wohnungslose Menschen stellen sich vor, 2007, Lambertus-Verlag Freiburg, www.lambertus.de

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Der Fahrradlenker bestimmt, wo es hingeht

Der Sachse - Quelle un-gewohnt

Ich bin seit meinem vierten Lebensjahr, seit 1956, immer alleine unterwegs und lebe mal da, mal dort in Europa. Europa ist für mich ein Dorf. Geboren bin ich in Frankenberg in Sachsen, deshalb nenne ich mich „der Sachse".
Keiner weiß, wo und wer meine Eltern sind, und ob ich Geschwister habe. Ich habe mich in keinem Kinderheim gehalten. Ich wurde immer wieder gefangen. Ich habe mich immer durchgekämpft und bin so groß geworden. Ich war nie in der Schule. Ich habe das Lesen aus der Zeitung durch mein Nachfragen bei Erwachsenen gelernt. Das Rechnen hat mir ein Schäfer beigebracht. Er hat mir sieben Blätter hingelegt, dann nahm er drei weg, so lernte ich, dass 7-3 = 4 ist.

Der glücklichste Moment in meinem Leben?
Jeder Tag ist für mich Glück - egal ob es regnet oder schneit. Ich habe im Winter Ecken, da warten die Tiere schon auf mich. Kein Tier hat Angst vor einem Menschen. Ich spreche mit den Tieren und den Bäumen. Die Tiere kommen zu mir, zu den Bäumen gehe ich.

Der schmerzvollste Moment in meinem Leben? Ich bin mit dem zufrieden, was ich habe. Mal geht's mir gut, mal nicht - ich boxe mich durch. Ich lasse meine schlechte Laune nicht an anderen aus. Dann gehe ich in die Natur, am besten an einen Fluss.

Mein nächstes Ziel?
Habe ich nicht. Mein Fahrradlenker hat das Bestimmungsrecht, wo es hingeht. Das ändert sich von Minute zu Minute.