Portraits

Wolfgang B. geboren 1960

arbeitet in der Küche des St. Antoniusheims , in dem er seit 2003 lebt. Die Katholischen Arbeiterkolonien Vreden sind eine Stationäre Einrichtung für Wohnungslose auf dem Lande.

aus: „Die Wucht des erlebten Schicksals“, Wohnungslose Menschen im St. Antoniusheim in Bild und Schriftportraits, 2008, Aschendorff Verlag mit Bildern von Ulrich Röfling und
Texten von Reimar Bage.

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Wohnungslos

Leben und überleben in schlechten Kreisen

Wolfgang im Portrait - Quelle: Aschendorff Verlag

„Ich bin ein unruhiger Geist, ein umtriebiger Mensch“, so schätzt sich Wolfgang B. selbst ein. Der gebürtige Recklinghauser ist nach einer langen Odyssee in der Stille und Abgeschiedenheit der Katholischen Arbeiterkolonien von Vreden Frieden gelandet. Die stationäre Einrichtung für Wohnungslose auf dem Lande ist das neue zu Hause für den 49-Jährigen. Mit nicht zu überhörender Selbstironie bezeichnet sich Wolfgang B. als „dummen Hauptschüler“, der nach dem Schulabschluss Handelsfachpacker geworden ist – eine Mischung aus Einzelhandelskaufmann und Lagerist. Gelernt hat er bei Thyssen-Schulte, einem Sanitärfachhändler, dann wechselte er die Branche und landete bei Metro. Nach 15 Monaten Wehrdienst entdeckt er homosexuelle Neigungen und gerät danach „in schlechte Kreise“, wie er seinen weiteren Lebensweg beschreibt. Im Milieu erkrankt er an Tablettenabhängigkeit und Kaufsucht, was letztlich dazu führte, dass Wolfgang in eine Schuldenfalle geriet.

Schuld sind immer die anderen

„Damals“, so erzählt er heute, „waren immer die anderen Schuld an meiner Misere.“ Es folgten nicht nur psychiatrische Behandlungen, sondern auch das Treffen eines alten Freundes in Düsseldorf –„der größte Fehler meines Lebens“ -, der ihn missbraucht und geschlagen haben soll. Das Ganze musste in einer dreijährigen psychiatrischen Behandlung verarbeitet werden, was aber letztlich nicht verhinderte, dass Wolfgang B. noch einmal an falsche Freunde geriet: Diesmal so genannte „Charismatiker“, von ihm als „christlich Bekloppte“ charakterisiert, die ihn dazu bewegen wollten, Homosexuelle zu Heterosexuellen zu bekehren.

Stille und ein Job in der Küche

Da Wolfgang B. in dieser Zeit per Zufall seine ältere Schwester wieder traf, gelang es ihm, sich aus der Szene zu befreien. Allerdings nicht ohne Komplikationen, wie ein Selbstmordversuch und ein - aus seiner Sicht als „Hilferuf“ - begangener Diebstahl in einer Wohngruppe der Arbeiterwohlfahrt beweisen. Eine erneute, freiwillige psychiatrische Behandlung brachte schließlich die Wende: Wolfgang wurde ins St. Antoniusheim Vreden vermittelt. Es war eine eineinhalbjährige Eingewöhnung notwendig, aber dank eines Sozialarbeiters, dem er sich anvertraute, scheint der Recklinghauser nun seine Erkrankung in den Griff bekommen zu haben. „Die Arbeit in der Küche befriedigt mich, an die Stille in Vreden habe ich mich inzwischen gewöhnt“, zieht Wolfgang B. für sich eine durchaus positive Zwischenbilanz.