Meine Geschichte
Mit schwarzen Haaren, braunen Augen, Bart und Blumen stand er vor meiner Haustür. Ich war auf der Stelle verliebt. Zwei Kinder hatte ich alleine groß gezogen und jetzt also er: Ein starker Kerl. Wir fanden sofort eine gemeinsame Basis. So viel Glück konnte ich nicht fassen – da muss doch ein Haken sein, dachte ich im Innersten. Das war im Oktober 1993. In Gesprächen deutete er mir ein kleines Alkoholproblem an. Im Dezember war es riesengroß. Mein Partner, den ich als korrekten, pünktlichen, ehrlichen und nüchternen Menschen kennengelernt hatte, verwandelte sich ins Gegenteil. Er trank in immer kürzeren Abständen immer mehr und log mir ins Gesicht.
Gefangen in der Dreiecksbeziehung
Wir begannen eine Dreiecksbeziehung: Ich, er und der Alkohol, und wir pegelten uns wunderbar ein. Er trank den Alkohol, versteckte ihn und log mich an - ich wiederum suchte den Alkohol, kippte ihn weg und machte Vorwürfe. Dieses Spiel funktionierte wunderbar. Zur Wiedergutmachung belohnte er mich mit Reisen, die ich mir nie hätte leisten können. Als ich nicht mehr weiter wusste, ging ich zur Suchtberatungsstelle, um mir Rat zu holen. In meiner Naivität und Unwissenheit hoffte ich auf einen Tipp, den ich zu Hause umsetzen könnte - und alles wäre gut. Aber so leicht war es nicht. Mir wurden zwei Wege aufgezeigt. Erstens: Sie haben ein großes Herz und halten es aus, so mit ihrem Partner zu leben. Oder zweitens: Sie nehmen ihre Kinder und gehen ganz schnell alleine ihren Weg.
Mit dem Mut einer Verzweifelten
Das hatte mir natürlich weiter geholfen: Ich, frisch verliebt, nach langem Alleinsein meinen Traummann gefunden, an den ich hoffte mich auch anlehnen zu können, und nicht immer starke Frau sein zu müssen. Ich dachte, ich schaffe das – mit ganz viel Liebe, Verstand und Hoffnung. Was man mir sagte und was in Büchern stand, war unwichtig. Ich werde die Erste und Einzige sein, die es schafft, einen Mann vom Alkohol wegzubekommen!
Austausch mit anderen Betroffenen
Mit dem Hinweis, dass mein Partner sowieso ein hoffnungsloser Fall ist, ging ich den Kampf an. Ich las Bücher und informierte
mich über alles, was mit Alkoholismus zu tun hatte. Was ich zu diesem Thema bekommen konnte, saugte ich in mich auf. In Seminaren
entstanden freundschaftliche Beziehungen. Ich fühlte mich aufgenommen und konnte von meinen Problemen erzählen. Vor allem
in der Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes in Sömmerda. Sie wurde für uns zu einer Art Familie. Wir spürten: Hier können wir
über uns reden, auch Unangenehmes ansprechen, mit dem wir im normalen Alltag auf Unverständnis stoßen. Von anderen Angehörigen
lernte ich den Umgang mit den Betroffenen. Die Gruppe stand hinter mir, wenn es mir schlecht ging, ich die Zeit der Langzeittherapie
überstehen musste. Heute habe ich jederzeit einen Ansprechpartner, wenn mir danach ist. Auch ich kann heute meine Erfahrungen
weitergeben. Mein Partner ist seit vielen Jahren trocken und mittlerweile mein Mann, den ich achte und liebe. Er ist wieder
der, den ich am Anfang kennengelernt habe, wir sind ein gut funktionierendes Team. Ich bin dankbar für den Weg, den wir gemeinsam
gegangen sind – auch unseren Freunden im Kreuzbund.
Beate Bomm, Kreuzbund Sömmerda, Diözesanverband Erfurt
