Caritas München
Kleider machen Leute
Schneidermeister Wagner vom Nähwerk in München.
„Du musst die Naht weiter links ansetzen.“ Schneidermeister Hans Wagner tippt der kleinen Frau auf die Schulter. Annemarie Bortan weiß, was sie zu tun hat und korrigiert die Naht. Selbstbewusst und sicher geht sie mit der Industrie-Nähmaschine um. Keine Selbstverständlichkeit im Münchener NähWerk. Auch wenn hier edle Kleider entstehen, die teuer verkauft werden – an den Nähmaschinen sitzen elf Frauen mit Handicaps. Körperliche Behinderungen, Psychosen, Zwangsneigungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen verhindern, dass sie auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Sie sind der Belastung des normalen Alltags- und Arbeitslebens nicht gewachsen.
Kleine Nähte und große Probleme
„Wir haben auch ganz normale Haushalts-Nähmaschinen“, erklärt Wagner, „denn manche Frauen trauen sich trotz ihrer Vorkenntnisse zunächst nicht an die richtigen Schneiderwerkzeuge heran.“ Deshalb braucht Wagner neben seinem handwerklichen Können vor allem zwei Dinge: Viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Unter anderem, weil seine Mitarbeiterinnen oft sehr selbstkritisch sind. „Ich muss ihnen immer wieder sagen, was für tolle Arbeit sie leisten. Manchmal wird eine kleine Naht zu einem Riesenproblem“, erzählt Wagner, der sich dann Zeit nimmt für ein Gespräch oder einen Kaffee.
„Mit 57 stellt dich keiner mehr ein!“
Mit geschultem Blick erkennt Schneidermeister Wagner: „Wir haben gute Frauen hier, die können was.“ Der freie Arbeitsmarkt lässt ihnen allerdings nicht die Zeit, ihr Potential abzurufen. Das gilt auch für Annemarie Bortan, die 25 Jahre bei Metro gearbeitet hat: „Als ich krank wurde, hat man mich entlassen. Und mit 57 stellt dich keiner mehr ein!“ Bortan gehört zu den drei Langzeitarbeitslosen, die Wagner in seinem NähWerk beschäftigt. Seit eineinhalb Monaten arbeitet sie wieder, häkelt und stickt was das Zeug hält. Nur weg von Hartz IV! Reich wird sie damit nicht, doch das ist auch nicht ihr Ziel. „Arbeit bedeutet Aufgabe“, sagt Wagner, „bedeutet eigene Fähigkeiten erkennen und angenommen sein“. Wie wichtig das ist, weiß der Schneidermeister, denn durch die Arbeit bekommen die Frauen wieder neues Selbstwertgefühl und die Gewissheit, „ich bin etwas wert, ich bin wertvoll für meine Umgebung“.
Das NähWerk bietet Änderungs-, Schneiderarbeiten und individuelle Designermode für Klein- und Großkunden an. Im März 2008 auf Initiative
der Weißer Rabe GmbH gegründet, sind insgesamt elf Arbeitsplätze für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Langzeitarbeitslose
entstanden. Seit September 2008 werden eigene Produkte im Münchner Ladengeschäft in der Schwanthaler Straße 79 im Ambiente
eines kleinen Cafés angeboten.
Text und Foto: Claudia Haus
