Portraits

Richard J.

Leben mit Hartz IV fällt vielen Menschen schwer. Geldsorgen und Scham kommen oft zusammen.

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Lieber Tag und Nacht arbeiten als Hartz IV

Richard J. fehlt es an vielem. An einem jedoch nicht: an Selbstbewusstsein. Ohne Scheu und Hemmungen spricht er über seine Situation als Familienvater und Hartz-IV-Empfänger. In der Jobbörse in Bad Cannstatt soll unser Treffpunkt sein. Dort ist er häufig anzutreffen, weil er die Unterstützung und Beratung so schätzt. Und auch weil der Laden der Schwäbischen Tafel nur zwei Häuser weiter ist.

Mit der kaputten Wirbelsäule beginnt der Abstieg

Richards Geschichte ist schnell erzählt: Jahrgang 58, verheiratet, ein 9-jähriger Sohn mit einer Behinderung. Gelernter Gipser und Installateur ist er. 30 Jahre hat er in seinen Berufen hart gearbeitet, und noch heute sehen seine Unterarme kräftiger aus als bei manch einem der Oberarm. Dann trifft ihn ein Wirbelsäulenleiden, sicherlich auch durch die Belastung im Beruf hervorgerufen. Er wird zunächst krankgeschrieben, doch es tritt keine Besserung ein. Nach sechs Wochen Lohnfortzahlung übernimmt die Krankenkasse mit Leistungen aus dem Krankengeld. Als auch diese Zahlungen auslaufen, bleibt ihm nichts anderes als Hartz IV.

Vermittelbar – aber nur auf dem Papier

Eine Frühverrentung steht nur kurz zur Debatte. Die Amtsärztin bescheinigt ihm die Möglichkeit, zwei bis drei Stunden am Tag arbeitsfähig zu sein. Damit gilt er als vermittelbar. Wer ihn allerdings beschäftigen soll, das weiß er selbst nicht so recht. Die Schmerzen, die er mit Medikamenten zu unterdrücken versucht, ziehen sich bis in die Beine, sein Gang ist schwerfällig und mühsam. Zu seinem Wirbelsäulenleiden kommt eine Diabeteserkrankung hinzu. Über ein Jahr hält er sich und seine Familie mit einen Job bei der „Neuen Arbeit“ über Wasser, eine neuerliche Krankheitsphase von fünf Monaten wirft ihn jedoch wieder zurück auf Hartz IV.

Gebrauchte Kleider und geschenkte Lebensmittel

Das Einzige, was er in seiner jetzigen Situation tun kann, ist seine Ausgaben zu optimieren oder - richtiger gesagt - zu minimieren. Kleidung erwirbt er in Secondhand-Läden, oder auf einem der vielen Bazare in Kirchengemeinden. Die Stuttgarter Bonuskarte ermöglicht ihm den Einkauf im Tafelladen. Dort findet er aber auch nicht immer alles, was man zum Leben braucht. Selbst Grundnahrungsmittel sind nicht immer vorhanden.

Billig einkaufen in Frankreich

Und ein Mal im Monat fährt er nach Frankreich. Ist also doch etwas dran am oft zitierten Missbrauch der Leistungen? Weit gefehlt. „Meine Frau und ich benötigen regelmäßig Medikamente. Wenn ich hier in Stuttgart ein bestimmtes Medikament mit einem grünen Rezept in der Apotheke besorge, kostet mich eine 50er Packung 15 Euro. In Frankreich zahle ich lediglich 2,48 Euro“, erklärt er. Vier Männer, die diese Tour regelmäßig machen, teilen sich die Benzinkosten. So ist sein Anteil von sechs Euro gut investiert. Doch nicht nur Medikamente kaufen sie ein, auch Kosmetika und Lebensmittel, die in Deutschland wesentlich teurer wären, nehmen sie mit. Aufwändig ist dieses Leben mit wenig Geld. Organisationstalent und Geduld gehören dazu. Richard nutzt alle Chancen, um günstig an die Dinge des täglichen Bedarfs zu kommen. Aber eines steht für ihn außer Frage: Lieber würde er Tag und Nacht arbeiten und unabhängig sein. Doch diese Wahl hat er nicht.

Text und Fotos: Friedemann Müns-Österle, Pressesprecher Caritasverband für Stuttgart e.V.