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... gegen die soziale Kälte

Thomas Kleine ist Seelsorger für aids- und drogenkranke Menschen in Stuttgart. Für ihn ist es ein Ärgernis, wie unsere leistungsorientierte Gesellschaft mit diesen Menschen umgeht.

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Kommentar

Leben an der Grenze zur Unmenschlichkeit - Foto: KNA

„Haste mir mal 'ne Aidsschleife?“, begrüßte mich Klaus. Hätte er gefragt, „Haste mal 'nen Euro?“, hätte ich mich nicht gewundert. Denn Klaus, etwa fünfzig Jahre alt und offensichtlich arbeitslos, gehört zu den Menschen, die sich gern am Rupert-Mayer-Platz in Stuttgart aufhalten. Die so genannte Paule ist ein Treffpunkt für Menschen, die in eine soziale Schieflage geraten sind, sei es durch Drogen, Alkohol, Obdachlosigkeit, Gefängnisaufenthalt oder sonst etwas. Die Frage nach der Aidsschleife hat uns ins Gespräch gebracht.

Die Probleme vererben sich

Klaus erzählte mir von seiner traurigen Kindheit im Ruhrpott, von Prügeln, vom ständig leeren Kühlschrank, von den ersten kleinen Diebstählen, seinem Hineinschlittern in Sucht und Abhängigkeit und seinen zerplatzten Träumen. Aber alles ohne zu jammern, denn das ist nicht sein Stil. Klaus möchte kein Mitleid. Es sind spannende und zugleich oft sehr traurige Geschichten, die mir die Menschen auf der Straße erzählen. Viele hatten nie eine Chance, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Sie haben die Arbeitslosigkeit, die Sucht und die Armut von ihren Eltern geerbt.

Missverständnisse, Ärger und Resignation

Solche Menschen sitzen im Jobcenter Arbeitsberatern gegenüber, die diese Welt nicht kennen. Sie verstehen deren Sprache nicht, es kommt zu Missverständnissen. Viele Menschen, die in Armut leben, haben nie gelernt, sich zu artikulieren. Kein Wunder also, dass manche wütend werden, wenn sie sich von Ämtern gegängelt fühlen. Die meisten aber resignieren, versäumen wichtige Termine, bekommen eine Kürzung ihres ohnehin geringen Arbeitslosengeldes. Fordern und fördern hieß das Motto bei den Gesetzesreformen zum Arbeitsmarkt. In der Praxis ist es oft ein Überfordern bei wenig Förderung. Menschen, die nie eine Lebensperspektive aufbauen konnten, brauchen eine ganz andere Form von Begleitung und Unterstützung.

Kranke haben keinen Platz in der Gesellschaft

Foto: KNA - Oppitz
Welche Chance bekommt er für sein Leben?

Klaus macht sich dazu seine eigenen Gedanken: Wer keine Leistung mehr bringen kann, zählt auch nichts mehr. Kranke Menschen haben keinen Platz in der Gesellschaft und gelten als unnütze Kostgänger. Vor allem die alltägliche Entwürdigung macht Klaus zu schaffen, denn immer wieder bekommt er zu spüren, dass er nichts taugt, nichts wert sei. Besonders chronisch kranke Menschen fühlen sich durch Hartz IV an den Rand gedrängt. Das Geld reicht kaum zum Überleben, geschweige denn für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil mit ausgewogener Ernährung.

Das Gesundheitswesen benachteiligt sozial schwache Menschen

Wer arbeitslos ist, erkrankt häufiger und stirbt statistisch gesehen früher als andere. Natürlich sind für alle gesetzlich Versicherten die Leistungen identisch. Doch wer auf der Straße lebt, wer aus armen Verhältnissen kommt oder wer keine Arbeit hat, ist gesundheitlich viel stärker gefährdet als Menschen mit einem stabilen Umfeld. Gerade für arme Menschen müsste deshalb mehr unternommen werden, damit sich ihr Gesundheitszustand verbessert. Der Arzt müsste mehr Zeit für das Beratungsgespräch haben und die Apothekerin gründlicher über die Medikamente informieren. Vor allem sollten die medizinische und die soziale Betreuung ineinander greifen und sich gegenseitig ergänzen. Krankmachende Faktoren wie schlechte Wohnsituation, mangelhafte Ernährung oder fehlende Lebensperspektive gehören auf den Prüfstand.

Armut muss öffentlich bleiben

Armut wird nicht beseitigt, indem Arme aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. In Stuttgart wird der Rupert-Mayer-Platz, ein beliebter Treffpunkt für Menschen wie Klaus, umgestaltet. „Jetzt wird aufgeräumt!“, kommentiert die Bildzeitung. Wo kann sich Klaus in Zukunft aufhalten? Wo findet er einen Platz, an dem er nicht nur geduldet, sondern sogar willkommen ist? Wo kann er sich mit seinen Kumpels treffen, ohne dass jemand Anstoß nimmt, ohne dass eine Bedienung zum Abkassieren kommt, ohne dass ständig Ordnungskräfte kontrollieren? Menschen wie Klaus stören die öffentliche Ordnung, und das ist gut so! Indem sie ihre Armut und ihre Krankheit nicht verbergen, bringen sie an die Öffentlichkeit, was sich andere nicht zu sagen getrauen. Sie machen offensichtlich, dass in unserer Gesellschaft Menschen an der Grenze zur Unmenschlichkeit leben.

Jeder ist für das soziale Klima mitverantwortlich

Und kann man daraus Konsequenzen ziehen? Schon Jesus hat die Armen in den Mittelpunkt seines Wirkens gestellt hat. Deshalb gehört es zu den Kernaufgaben der Kirchen, Anwalt der Armen zu sein. Wie das soziale Klima sich aber konkret gestaltet, dafür sind alle verantwortlich. Ich hoffe, Klaus regt zum Nachdenken an und sein stummer Ruf nach Teilhabe am Leben wird gehört.

Seelsorge für aidskranke und drogenkranke Menschen  in Stutttgart
Der Artikel ist eine leicht gekürzte Übernahme aus: Caritas vor Ort - Caritasverband Stuttgart