Soziale Manieren

Außenseiterin auf Zeit

Ungeschminkt und mit einer alten Regenjacke geht Laura Paterna normal nicht aus dem Haus. Für einen Tag schlüpft die Schülerin in die Rolle der Obdachlosen, die  Straßenzeitungen verkauft. Ihre Erlebnisse schockieren sie.

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Laura als Verkäuferin der Straßenzeitung
Angepöbelt statt angelächelt: Laura als Verkäuferin
der Straßenzeitung fiftyfifty.

Ila, eine Sozialarbeiterin der Beratungsstelle für Obdachlose, macht mir einen Ausweis. Mit dem darf ich einen Tag lang die Düsseldorfer Straßenzeitung fiftyfifty verkaufen. Ila erklärt mir die Regeln: Ich darf nicht am Bahnhof verkaufen, während der Arbeit nicht trinken, nicht betteln und anderen nicht den Platz streitig machen. Die umstehenden Obdachlosen – also meine Kollegen – wünschen mir freundlich Glück. Ich gehe durch die Stadt und suche einen guten Stehplatz. In mir herrscht eine tiefe Unsicherheit. Irgendwie schäme ich mich. Ich weiß nicht, warum, aber das Gefühl ist da.

Wie mich alle mustern

Auf der Königsallee werde ich von den Obdachlosen mit Hysterie betrachtet. Die Konkurrenz ist groß, jeder fürchtet um seine Pfründe. Zum Glück muss ich nicht vom Zeitungsverkauf leben, brauche das Geld nicht für Drogen, die ich sonst durch Prostitution finanzieren müsste. Allein die Vorstellung ist furchtbar. Es ist merkwürdig, wie mich die Passanten mustern. Immer sehr herablassend, dabei bin ich doch derselbe Mensch, nur mit einer anderen Hülle. Immerhin: Manche Menschen lachen mich auch an, andere schauen ungläubig drein. Ein schwarzer Sheriff meint, ich würde gar nicht ins Schema passen. Ich hätte eine viel zu freudige Ausstrahlung. Nach einiger Zeit tun mir die Beine weh. Ich wippe vom einen zum anderen. Die ablehnenden Blicke der Menschen machen mich müde. Immerhin habe ich eine Zeitung verkauft und einen Euro fünfzig Spende bekommen.

Ich brauche keine bösen Worte

Irgendwann kommt eine gutsituierte, edel gekleidete ältere Frau mit lila Haaren, Pelzbehang und so einem kleinen chinesischen Kläffer auf mich zu. Sie sagt tatsächlich, ich solle nicht so faul rumstehen. Ich bin schockiert. Wenn es einem schlecht geht, braucht man nicht noch böse Worte. Soll sie doch einfach nichts sagen. Oder mich einfach übersehen wie die meisten anderen. Ein merkwürdiger Zuhältertyp rempelt mich dreist von der Seite an. Mir fehlen die Worte. Plötzlich kommt ein Punk auf mich zu: „Schätzelein, du bist bestimmt neu, aber du stehst auf meinem Platz.“ Ich entschuldige mich, doch der Mann unterbricht mich und sagt, ich solle erst mal in Ruhe weitermachen. Er werde sich noch ein paar Bierchen genehmigen. Also stehe ich wieder eine Weile, bis Punk wieder auftaucht.

Warum beachtet mich niemand?

Nach ein paar Stunden verstärkt sich in mir das Gefühl: Bitte beachtet mich doch mal! Warum kommt denn keiner? Eine Frau scheint meine Gedanken zu erraten. Sie mustert mich und fragt freundlich, wie es dazu gekommen sei, dass ich auf der Straße stehe. Bemüht, nicht zu lügen, frage ich, was sie denn denken würde. „Na, vermutlich haben Sie keinen Job“, antwortet sie. Ich erzähle ihr von meinem Experiment. Das Gespräch hebt meine Stimmung wieder ein bisschen.

Das Ticket ist bestimmt geklaut

Auf dem Heimweg sitzen zwei Kontrolleure neben mir. Die Bahn ist voll, und wieder werde ich gemustert. Als ob sie Schwierigkeiten mit mir erwarten würden, stehen beide auf und fragen mich ruppig nach meinem Fahrausweis. Sie blicken verdutzt, als sie feststellen, dass ich ein Schülerticket habe. Das Ticket sei bestimmt geklaut, behauptet einer der Bahnpolypen und verlangt meinen Personalausweis. Als er diesen sieht, geht er mit einem ungläubigen Blick weiter. Ich will nur noch nach Hause!

Ohne Selbstachtung geht das nicht

Der Tag war seltsam. Schade finde ich, dass die Menschen, die mich sonst vermutlich angelächelt hätten, es an diesem Tag wegen einer alten Regenjacke, einer Tasche und einer Obdachlosenzeitung nicht taten. Vorurteile wird es immer geben, aber jeden Tag als Außenseiter der Gesellschaft dort zu stehen verlangt eine große Portion Selbstachtung. Und ziemlich sportliche Beine: Denn das Stehen tut auf die Dauer verdammt weh. An meinem Tag als fiftyfifty-Verkäuferin waren ausgerechnet die Obdachlosen die freundlichsten Menschen. Sie waren es, die mir den Weg gezeigt, sich mit mir unterhalten oder mich angelacht haben – voller Freude, nicht voller Mitleid.

Gekürzte Fassung eines Beitrags des fiftyfifty-Straßenmagazins



fiftyfifty ist ein Straßenmagazin und wird von Menschen in sozialer Notlage in Bonn, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Mönchengladbach verkauft. Dabei ist die Hälfte des Preises der Zeitung für die Verkäuferin oder den Verkäufer bestimmt. fiftyfifty unterhält auch eine Kunstgalerie, mit deren Erlösen Hilfsprojekte für obdachlose Menschen finanziert werden.
www.fiftyfifty-galerie.de