Auf der Verliererseite des Lebens

„Wir sind nicht besser als sie, wir haben es nur besser getroffen.“ Diese Überzeugung prägt Annerose Groh. Die Frau weiß, wovon sie spricht. Seit 13 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in der Dortmunder Gemeindecaritas für obdachlose Menschen. Sie erzählt von geraden und krummen Lebenswegen. Von wohl behüteten Kindern und solchen, die im Heim groß werden, nur vier Jahre zur Schule gehen und ohne Ausbildung und Perspektive auf der Straße landen. Oder von Menschen, die der Verlust der Arbeit oder eine gescheiterte Partnerschaft aus der Spur gebracht haben.
Improvisieren um zu überleben
Diese Menschen führen ein Leben am Rand unserer Gesellschaft. Süchtige, extrem Arme, Einsame oder Obdachlose arrangieren sich. Sie finden irgendwo einen Schlafplatz, irgendetwas zu essen und können sich irgendwie über Wasser halten. Doch das Leben auf Sparflamme zehrt an ihrer Gesundheit, am Selbstwertgefühl und lässt nicht zu, dass diese Menschen ihre Potentiale abrufen. Der Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnung und anderen Dingen, die das Leben ausmachen, ist ihnen verwehrt. Die meisten tun sich schwer, die bestehenden Hilfesysteme zu nutzen – weil ihnen die Kraft oder das Wissen fehlt, weil sie zu stolz sind oder sich schämen. Doch ohne fremde Hilfe finden sie selten einen Ausweg aus ihrer Situation.
Durchkreuzte Lebenswege
Wer an diesem Punkt im Leben steht, hat meist einen längeren Weg hinter sich. Oft beginnt der mit einem unvorhergesehenen Ereignis: Krankheit, Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes entziehen den Betroffenen den Boden unter den Füßen. Von heute auf morgen müssen sie sich neu ausrichten und mit einem Berg an Problemen fertig werden. Wer damit überfordert ist und niemand hat, der ihn auffängt, droht zu scheitern.
Bitte Abstand halten
Die meisten Deutschen kennen das Leben dieser Menschen nur aus dem Fernsehen. Wenn die Kamera einen Obdachlosen begleitet, den die Polizei spät abends aus der warmen U-Bahn komplimentiert. Oder wenn die Hartz IV-Familie berichtet, wie schwer es ist, mit der „Stütze“ zu leben. Jenseits der Mattscheibe machen die meisten einen weiten Bogen um diese Menschen – oder sie nehmen sie überhaupt nicht wahr. Das zeigen die Ergebnisse einer im Auftrag der Caritas erstellten Umfrage von Sinus Sociovision . Darin gibt jeder Zweite an, Arme und Obdachlose Menschen nur aus bestimmten Stadtvierteln zu kennen. 46 Prozent haben überhaupt keinen Kontakt zu Obdachlosen, 42 Prozent kennen keine Süchtigen.
Jeder verdient Respekt
Bei Annerose Groh ist das anders. Sie hat den Kontakt gesucht. In einem extrem kalten Winter vor einigen Jahren hat sie mit Obdachlosen in der warmen Kirche übernachtet. Mit der Aktion wollten die Ehrenamtlichen die Stadt Dortmund dazu bringen, mehr Schlafplätze für Wohnungslose zu schaffen. Almosen sind nicht ihr Thema. Für Groh geht es um Respekt, den aus ihrer Sicht jeder Mensch verdient. Und um die Anerkennung seiner Würde und seiner Rechte.
