Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft


Wie gehen wir miteinander um?
Armeeklamotten aus dem Secondhandladen, Plastiktüten vom Supermarkt, Flip-Flops an den Füßen. So kommt er um die Ecke, einer der vielen, die zum Stadtbild gehören. Ob er am Nachmittag auf der Parkbank sitzt, zusammen mit anderen Kumpels, Bier trinkt und laut Musik hört?
Oder hat er in seiner Plastiktüte Schulhefte, gekauft mit den letzten Euros für den achtjährigen Sohn?
Aber da ist auch die Armeekleidung. Ein Rambo in der Großstadt, auf der Suche nach der nächsten Schlägerei? Einer, der keinem
mehr traut, nur sich selbst?
Keine Ahnung, es sind Spekulationen, Bilder, Vor-Urteile, Erfahrungen … Der diffuse Eindruck klärt sich schlagartig, wenn ich seine Botschaft lese: Worte können verletzten. Auch mich. Plötzlich sehe ich die Innenseite des vermeintlichen Außenseiters. Der anonyme Mann von der Straße wird zu einem konkreten Menschen, zu einem Mit-Menschen. Die Angst vor verletzenden Worten, die kennen wir beide.
Sein verschmitztes Lächeln, seine freundliche Geste stehen in einer gewissen Spannung zu seinem Aussehen. Sie überraschen. Sehen so „Menschen am Rande“ aus? Sollten sie nicht gegrämt, ausgelaugt, vom Leben gekennzeichnet sein? Häufig werden arme Menschen als Opfer oder Hilfeempfänger dargestellt. Er dagegen tritt mir selbstbewusst entgegen, lädt zum Kontakt und zum nachdenken ein.
Er lebt in Berlin und ist einer von vielen, deren Leben durch eine Menge Probleme gekennzeichnet ist: arbeitslos, verschuldet, ohne Familie, suchtkrank. Normalerweise steht er nicht im Rampenlicht von Gesellschaft und Politik. Eher in der Schmuddelecke. Ab und zu steht etwas über ihn und seinesgleichen in der Presse. Manchmal sind es einfühlsame Berichte, die versuchen, das Leben am Rande der Gesellschaft verständlich zu machen.
Aber es gibt auch Stimmen, die laut darüber nachdenken, man könne auch mit einem Drittel der SGB II Regelsätze auskommen, 134 Euro reichten zum Leben. So geschehen in der „Chemnitzer Studie“ vom Spätsommer 2008. Eine der zynischen Begründungen war: es gäbe ja Tafelläden und Gebrauchtwarenläden. Es gibt Politiker, die bedauern, dass die Studie nicht umgesetzt wird. Worte können verletzten. Auch mich.
Gerechtigkeit beginnt mit „sozialen Manieren“. Der „normale Umgang“, das „Hinsehen statt ausgrenzen“ ist Teil des demokratischen Grundkonsens. Unabhängig von Rasse, Klasse und Einkommen ist jeder Mensch Teil der Gesellschaft. Als Caritas weisen wir auf diese Selbstverständlichkeiten hin, gerade weil sie nicht selbstverständlich sind.
„Soziale Manieren“ braucht es in der Politik. Es braucht einen Politikstil, der sich nicht auf Kosten der Ärmsten profiliert. Es braucht einen Grundkonsens, dass Würde und Gerechtigkeit Zwillinge sind. Die Gleichheit der Menschen darf nicht nur im Grundgesetz stehen. Sie muss zu Taten werden, im Alltag und in der Politik.
Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft.
